Mythologische Ursachen für den Vampir-Mythos

Neben den biologisch-medizinischen  Gründen gibt es für die weite Verbreitung des Vampirmythos natürlich starke psychologische-mythologische Ursachen. Der Mythos konnte und kann sich nur deshalb so weit verbreiten,  weil er tiefsitzende Ängst und Bedürfnisse der Menschen aufgreift und widerspiegelt.

Zwei uralte, weltweit verbreitete mythologische Stränge fließen im 17. Jahrhundert in Osteuropa zum Mythos des Vampirs zusammen: der des Wiedergängers und der des Blutsaugers.

Der erste spiegelt die uralte Sehnsucht der Menschen nach Unsterblichkeit wider: Ist es nicht reizvoll, zumindest so lange zu leben, bis man gewaltsam getötet wird oder die Welt ein Ende findet, also von Alter und Krankheit verschont zu bleiben?

Doch der Mythos behauptet auch, dass Unsterblichkeit, wenn überhaupt, nur unter Aufgabe der eigenen Menschlichkeit erlangt werden kann.
Die Frage ist stets die nach dem Preis. Nie wieder das Sonnenlicht zu sehen, auf menschliche Gesellschaft zu verzichten, als Mörder gejagt oder verbannt zu werden – wieweit gehe ich, um Unsterblichkeit zu erlangen? Wieweit bin ich bereit, mich über gesellschaftliche Regeln, über religiöse Gebote und über meine eigenen ethischen Maßstäbe hinwegzusetzen?

Die ethische Problematik ist sicher einer der Gründe, warum der Vampirmythos über alle Zeiten so interessant war und heute so zu faszinieren vermag. Man kann sich sogar fragen, ob ein Vampir denn eigentlich »böse« sei...

Der zweite wesentliche Apekt ist die Angst vor dem, was den Menschen nach dem Tode erwartet, aber auch vor der Wiederkehr und eventuell der Rache der Toten, also der Aspekt des Wiedergängers.

Der wichtigste Reiz jedoch geht heute, zumindest in modernen Gesellschaften, von zwei weiteren Aspekten aus: dem Einfluß der Erotik und dem Bild des »Aussaugens«. Es gibt Vampire ja nicht nur als Blutsauger, dieses Bild wird seit Jahrhunderten, zumindest seit Voltaire 1772, auch politisch verstanden. Und jeder Mensch ist mit dieser Metapher vertraut und findet sich darin wieder. Denn jede menschliche Beziehung ist ein Geben und Nehmen, das, wenn es aus dem Gleichgewicht gerät, leicht zu einem Aussaugen des Anderen wird.

Wegen dieser starken, fast schon archetypischen Bilder ist der Vampyrmythos nicht nur einer der weitverbreitetsten, sondern auch stärksten Mythen der Menschheit.

Besonders empfehlenswerte Literatur:
Dieter STURM, Klaus VÖLKER (Hrsg.): Von denen Vampyren oder Menschensaugern – München 1968, Stuttgart 1994, Wiesbaden 2006