Tuberkulose (Schwindsucht)

Die Tuberkulose, die als Schwindsucht in Literatur und Oper immer wieder die Besten dahinrafft, ist neben Tollwut, Milzbrand und Scheintod eine der wahrscheinlichen »natürlichen« Ursachen für die Entstehung des Vampirmythos. 1880 wurde in Deutschland jeder zweite Todesfall in der Altersgruppe der 15 bis 40-Jährigen auf die Tuberkulose zurückgeführt.

Erreger ist überwiegend das Myobacterium tuberculosis, in Ländern mit Rindertuberkulose auch das Myobacterium bovis. Die Ansteckung erfolgt am häufigsten durch Tröpfcheninfektion. Noch immer ist die Krankheit in Entwicklungsländern eine gefürchtete Seuche, an der Millionen Menschen sterben, und durch die zunehmende Antibiotika-Restistenz und immer schlechter werdende Impfhygiene wird sie auch in entwickelten Ländern wieder bedrohlicher, insbesondere in Osteuropa hat die Antibiotika-Resistenz bedrohliche Ausmaße angenommen.

Zum Welttuberkulosetag am 24. März 2022 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) aktuelle Zahlen veröffentlicht. Täglich sterben mehr als 4000 Menschen auf der Welt an Tuberkulose, damit ist die Krankheit nach Covid-19 die zweithäufigste Todesursache durch eine Infektion und nach wie vor die häufigste durch einen bakteriellen Erreger.

Laut WHO haben sich 2020 weltweit 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren mit Tuberkulose infiziert, etwa ein Viertel davon ist an der Krankheit gestorben. Ein Grund: Geschätzt 72 Prozent der infizierten Kinder wurden nicht behandelt. Insgesamt nahm 2020 die Zahl der weltweiten Todesfälle durch Tuberkulose erstmals seit zehn Jahren wieder zu: Sie stieg im Vergleich zu 2019 von 1,4 Millionen auf 1,5 Millionen. Die Corona-Pandemie hat die Situation noch verschlimmert, weil die Krankenhäuser weniger Behandlungen anboten oder Menschen aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus ihre Tuberkulose-Infektion nicht meldeten.

Auch bei uns ist die Entwicklung bedenklich. Zwar gingen in Deutschland die Fallzahlen laut Robert Koch-Institut (RKI) 2021 weiter zurück, jedoch nicht mehr so deutlich wie in den Jahren zuvor. 2021 wurden dem RKI demnach 3896 Tuberkulose-Neuerkrankungen gemeldet, sechs Prozent weniger als 2020. Damit sind in Deutschland im Jahresschnitt fünf von 100.000 Menschen betroffen. 2011 wurden dem RKI 4317 Krankheitsfälle gemeldet, fast 6 Neuerkrankungen pro 100.000 Menschen. Ob es sich tatsächlich um so viel weniger Fälle handelt oder ob sie wegen Corona nur seltener diagnostiziert wurden, muss noch untersucht werden. Und die Dunkelziffer ist hoch, denn oft wird die Erkrankung nur durch Zufall entdeckt, viele ältere Menschen tragen den Erreger in sich, nach Schätzung der WHO ein Drittel aller Menschen.

2006 gab es erste Berichte über extrem-resistente Tuberkulose-Stämme. 2012 tauchten in Indien Stämme von Tuberkulose-Erregern auf, die gegen alle verfügbaren Antibiotika resistent sind. TDR: totally drug resistant. Alle infizierten Patienten starben in den ersten Jahren daran.

Problematisch ist auch in Europa die zunehmende Rsistenz der Erreger, oft schon gegen die Mehrzahl der vorhandenen Medikamente. In manchen osteuropäischen Ländern helfen die beiden wichtigsten Arzneien nur noch bei 85 % der Betroffenen. Und es gibt immer mehr Fälle von TDR-Tuberkulose, in der Ukraine 2016 etwa 12.000 Menschen mit multiresistenter Tuberkulose bei etwas mehr als 40 Millionen Einwohner*innen- Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) wies im Frühjahr 2022 darauf hin, dass unter den Geflüchteten aus den Kriegsgebieten zahlreiche Menschen mit Tuberkulose sein könnten: Während in Deutschland im Jahresschnitt fünf von 100.000 Menschen betroffen sind, liegt das Verhältnis in der Ukraine laut DGP bei 73 von 100.000.

Der derzeit eingesetzte Tuberkulose-Impfstoff BCG (»Bacillus-Calmette-Guérin«), der bereits seit 1921 verwendet wird, schützt nicht vor der häufigsten Form der Krankheit, der Lungentuberkulose bei Erwachsenen. Der auf abgeschwächten Bakterien basierende Lebendimpfstoff ist zudem nicht sehr gut verträglich und wirkt auch nur zu etwa 50 Prozent. In Deutschland wird er deshalb nicht mehr eingesetzt.

Eine Tuberkulose-Therapie dauert mindestens sechs, teilweise mehr als 20 Monate, und bei einer Unterbrechung von nur acht Wochen muss die Behandlung wieder von vorne beginnen.

 

Wie sehr die Tuberkulose beigetragen haben mag zum Erhalt des Vampirglaubens, beweist ein Fund, den man 1993 in Connecticut, USA, gemacht hat: das Skelett eines Vampirs – die Überreste eines großen Mannes, enthauptet, die Beinknochen gekreuzt und der Schädel auf diese drapiert. Zusätzlich wurde bei dieser Vampirhinrichtung à la USA der Brustkorb zertrümmert, wohl um das Herz zu entfernen, zu verbrennen und die Asche, mit Flüssigkeit gemischt, als Schutztrunk zu verwenden. Da die Initialen des Toten »J.B.« lauteten und er auf dem Familienfriedhof der Familie Walton lag, tauften ihn die Forscher nach der Fernsehserie »John Boy«. Er war wahrscheinlich das erste Opfer einer Tuberkulose-Epidemie, die im 19. Jahrhundert die Familie heimsuchte. Als später die übrigen Familienmitglieder dahinsiechten, kam ein erster Verdacht auf, als sie ihn ausgruben, fanden sie einen aufgedunsenen, also »gut genährten« Leichnam – der Schluss lag nahe, John Boy sei ein Wiedergänger, ein Vampir. Ironischerweise trug das Vampir-Ritual zur Verbreitung der Krankheit bei – bei der Zertrümmerung der Knochen wurde der Bazillus verbreitet, ebenso bei der Zubereitung und Aufnahme des »Schutztrunkes«. Und auch heute könnte der »Fluch des Vampirs« zuschlagen – denn Tuberkelbazillen sind im Grab mindestens Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte überlebensfähig!

 

Literatur:
Heinz SPIESS, Ulrich HEININGER (Hrsg.): Impfkompendium – Stuttgart/New York (6)2005
Gottfried KIRCHNER: Terra X – Schatzsucher, Ritter und Vampire – München 1997